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Ein Kind zu erziehen bedarf es eines ganzen Dorfes

Was sagt uns diese Redewendung?

Nun, wir Menschen sind entwicklungsgeschichtlich betrachtet ein Rudel- und Herdentier. Auch heute leben wir in „Rudeln“: Die Herkunftsfamilie, die selbst gegründete Familie, die Klassengemeinschaft, das Arbeitskollegium, …
Als „Herde“ kann man eine Dorfgemeinschaft oder einen Stadtteil betrachten. Der Mensch ist ein sehr soziales Wesen, das den Kontakt, die Auseinandersetzung mit und das Feedback von anderen Mitgliedern des Rudels und der Herde braucht.

Diese sozialen Einheiten - Familie, Dorf, … - sind heute aber oft nicht mehr vollständig verfügbar:

  • Es gibt immer mehr alleinerziehende Eltern. Kinder von alleinerziehenden Müttern haben oft bis in die Pubertät hinein keine männlichen Bezugspersonen. Die Mutter, die Kindergärtnerinnen, Grundschullehrerinnen, … können kaum männliche Verhaltensweisen vorleben. Männliches Verhalten zeigt aber eine andere Art von Aggression als weibliches. Männer sind im Allgemeinen impulsiver. Vor allem Jungs brauchen ein positives männliches Vorbild, das ihnen zeigt, wie man Impulsivität und Aggression positiv statt destruktiv ausleben kann.


  • Die Anonymität der Großstadt und der arbeitsbedingt häufig erzwungene Wohnortwechsel verhindern die Lebensgemeinschaft mit dem „Dorf“. Somit fehlt den Kindern ein wesentliches Instrument zur Sozialisierung. Das „Dorf“ ist der „Staat“ im Kleinformat. Hat ein Mensch als Kind nicht gelernt, die Bedürfnisse des „Dorfes“ in sein Verhalten zu integrieren, so wird er sich als Erwachsener schwer tun, die Bedürfnisse des Staates zu akzeptieren und sich aktiv als gestaltendes Mitglied einzubringen. Der Ruf nach dem Staat immer dann, wenn man mit der persönlichen Situation unzufrieden ist, greift zu kurz, solange man nicht bereit ist, auch selbst etwas für die Gemeinschaft, für den Staat zu tun.


Selbstverständlich gibt es vielfältige Ursachen für destruktive Aggressionen bei Jugendlichen. Neben allgemein ungünstigen Bedingungen im „Rudel“ Herkunftsfamilie seien hier -
ohne Anspruch auf Vollständigkeit - folgende Aspekte genannt:

  • Vererbte Faktoren, z.B. Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Eines der Leitsymptome hierbei ist die große Impulsivität, gekennzeichnet durch geringe Frustrationsschwelle und das schnelle Ausrasten mit Verlust der Selbstkontrolle. Auch die „Emotional instabile Persönlichkeitsstörung, Untertyp Borderline“ ist im Wesentlichen ererbt. Allerdings haben 80% der Betroffenen mindestens ein schlimmes Trauma erlebt. Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine sehr geringe Frustrationstoleranz mit schnellem Ausrasten ebenso ein Leitsymptom wie bei ADHS.


  • Erlerntes Verhalten: Ein Kind lernt am Modell der Eltern. Oft sind Vererbung und das negative Vorbild der Eltern kombiniert. Beispiel: Wenn ein Elternteil (oder beide) von ADHS oder Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen sind, kann die Störung auf die Kinder weitervererbt werden. Gleichzeitig erleben die Kinder bei ihrem Elternteil / ihren Eltern impulsives Ausagieren in verschiedenen Situationen. Die Kinder werden sich daher - auch später als Erwachsene - ähnlich verhalten.


Was kann in diesen Fällen die Gesellschaft tun?

Nun, neben der Möglichkeit der Vererbung gibt es noch weitere Faktoren, die ADHS und Impulsivität begünstigen können. Hier seien beispielhaft das zu frühe Heranführen der Kinder (Kleinkinder) ans Fernsehen oder an Computerspiele genannt. Unter Verweis auf die Zunahme übergewichtiger, hyperaktiver oder in der Konzentrationsfähigkeit gestörter Kinder empfiehlt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass
Kinder unter drei Jahren überhaupt nicht fernsehen sollten.
Die Reizüberflutung der Kinder, sei es durch moderne Medien oder durch die Forderungen überehrgeiziger Eltern, sollte zurückgenommen werden.
Weitere Infos zum Thema:
ADHS:
Test Impulsivität:


Kinder- und Allgemeinärzte müssen dahingehend qualifiziert werden, dass sie Fehlentwicklungen bei den Kindern besser und früher erkennen. Sie müssen das Recht erhalten, bei Verdacht auf schwerem Fehlverhalten der Eltern ihre Verschwiegenheit zu brechen und zum Wohle des Kindes einzugreifen. Um überforderten Eltern helfen zu können, ist die Vernetzung von verschiedenen Fachleuten nötig, wie Ärzte, Kinder- u. Jugendpsychologen, Sozialarbeiter, Lehrer etc. Das kostet freilich Geld. Geld, das der Staat aktuell lieber zur Rettung von Großbanken ausgibt, statt in seine Kinder zu investieren, in Menschen, die später den Staat tragen sollen. Die Situation beispielsweise bei Kinder- u. Jugendpsychologen ist prekär: Es werden aus Kostengründen viel zu wenige von den Kassen zugelassen, so dass die Wartezeit auf einen Behandlungsplatz viele Monate, ja sogar oft länger als ein Jahr dauert.

Jugendliche müssen aus Problemfamilien herausgenommen werden. Dazu sind gut qualifizierte Mitarbeiter in Jugendämtern nötig, die auch die nötige Courage besitzen, gegen verwahrloste Eltern vorzugehen. Jugendämter brauchen dazu aber frühzeitig Hinweise über Jugendliche, die aus dem Ruder laufen. Hier ist wiederum das „Dorf“ (Ärzte, Nachbarn, Lehrer, …) gefragt.

Vor allem die Justiz muss bestehendes Recht konsequent nutzen. Sie muss frühzeitig Grenzen aufzeigen, indem sie sehr zeitnah zur Tat urteilt, damit der gewalttätige Jugendliche den Zusammenhang zwischen seiner Tat und seiner Bestrafung nachvollziehen kann und den Zusammenhang auch emotional versteht. So macht er frühzeitig die Erfahrung, dass sein Verhalten von der Gesellschaft (vom „Dorf“) nicht akzeptiert wird.

Wir brauchen auch Forschungsgelder für von Interessensgruppen unabhängige Wissenschaftler, die sich mit dem Phänomen der zunehmenden Kriminalität Jugendlicher befassen. Schließlich sind alle Schichten der Gesellschaft dazu aufgefordert, sich mit dem Thema „Gewalt“ (von Jugendlichen) intensiver auseinander zu setzen und sinnvolle Maßnahmen zu entwickeln und zu ergreifen.

Das „Dorf“ muss aktiv werden. Es muss sich wieder mehr in die Entwicklung der Kinder einbringen, ja sogar einmischen, und dabei Eltern bei Unfähigkeit nicht nur kritisieren, sondern sie erzieherisch unterstützen. Ich nenne hier bewusst das „Dorf“ und nicht im Speziellen die Schule. Sollte es nicht nachdenklich stimmen, dass in dörflichen Hauptschulen weitaus weniger Gewalt beobachtet wird, als in großstädtischen? Und das auch in jenen Dorfschulen, die einen hohen Anteil von Kindern mit Emigrationshintergrund haben.

Parallelgesellschaften widersprechen unseren instinktiven Bedürfnissen, nicht nur als Mitglied im Rudel, sondern auch in der großen Herde sozial akzeptiert und integriert zu sein. Auch in unseren modernen Gesellschaftsstrukturen muss diesen Bedürfnissen Rechnung getragen werden. Hier ist vor allem der Staat in Verantwortung.


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